Gemeinsam für den Artenschutz

Seit 1980 haben sich die Gesamtbestände von Agrarvögeln in Europa halbiert, ein ähnlicher Trend ist auch bei anderen Artengruppen wie den Tagfaltern zu beobachten.

Extensiv genutzte Streifen am Rand von Kleingewässern sind für Amphibien wichtige Lebensräume. Auch Heuschrecken, Tagfalter und andere Insekten profitieren davon. Frank Gottwald / ZALF
Extensiv genutzte Streifen am Rand von Kleingewässern sind für Amphibien wichtige Lebensräume. Auch Heuschrecken, Tagfalter und andere Insekten profitieren davon. Frank Gottwald / ZALF

In Deutschland sind inzwischen jede achte Vogelart, ungefähr 130 Ackerwildkrautarten, jede dritte Amphibie und die Hälfte der Insekten gefährdet. Mit jeder ausgestorbenen Tier- oder Pflanzenart gehen nicht nur Gene, Farben, Formen und Geräusche unwiederbringlich verloren. Auch wichtige Ökosystemleistungen sind dadurch bedroht, wie die Bestäubung vieler Nahrungspflanzen durch Insekten, die klimaregulierende Funktion von Pflanzen oder auch die heilsame Wirkung einer durch natürliche Vielfalt geprägten Landschaft auf den Menschen. „Das Artensterben geht in beängstigendem Tempo voran“, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger vom Institut für Landnutzungssysteme des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. „Mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Das schafft Lebensräume für Tiere und Pflanzen, stellt gleichzeitig aber auch eine Gefährdung dar.“

Ein Grund: Felder und Wiesen werden ausgerechnet dann bearbeitet, wenn sich Pflanzen und Tiere fortpflanzen. „Der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und mineralische Stickstoffdüngemittel im Ökolandbau ist schon eine gute Voraussetzung für den Naturschutz. Wenn wir das Artensterben aufhalten wollen, müssen wir aber noch mehr Bereiche in der landwirtschaftlichen Bearbeitung unter Naturschutzaspekten überprüfen, Bewirtschaftungsalternativen aufzeigen und diese auch bewertbar machen“, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger. Was bisher fehlt, ist ein geeigneter und anerkannter Maßstab für die Praxis. Hier setzt das Modellprojekt „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ an. Bisher sind 60 Biobauernhöfe in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt aktiv dabei.

In den letzten Jahren hat ein Team vom ZALF unter Leitung von Diplom-Biologe Frank Gottwald und Dr. Karin Stein-Bachinger untersucht, welche Auswirkungen bestimmte Naturschutzmaßnahmen auf wildlebende Tiere und Pflanzen sowie die Landwirtschaft haben. „Ornithologen haben immer wieder in Tarnzelten gesessen, um Feldvögel zu beobachten“, erzählt Frank Gottwald. „Diese nisten gerne im Kleegras, das auf Biohöfen zur Futtergewinnung und Bodenverbesserung angebaut wird“, scheinbar gute Voraussetzungen für Feldvögel. Aber das Kleegras wird gemäht, wenn die Jungvögel noch nicht fliegen können – nur wenige überleben das. Acker-Lichtnelke und Acker-Schwarzkümmel sind heute nur noch selten auf den Feldern zu finden. Sie blühen erst im Sommer, wenn das Getreide schon reif ist. Ihr Problem: Die Äcker werden sofort nach der Ernte bearbeitet. Damit werden auch die Kräuter untergepflügt, bevor sie Früchte bilden können.

Ihre Beobachtungen haben die Experten ausgewertet und Vorschläge entwickelt, wie diese Konflikte gelöst werden können. „Wird das Kleegras später gemäht oder bleibt sogar ein Teilbereich stehen, werden die Nester der Feldvögel nicht zerstört. Das hilft auch Junghasen, Amphibien, Tagfaltern und Heuschrecken, die in der höheren Vegetation Nahrung und Deckung finden.“ Mehr als 100 Naturschutz-Ideen für Felder, Wiesen und Weiden, die Pflege der Landschaft und den Schutz einzelner Arten haben die Experten zusammengetragen. Speziell geschulte Naturschutzberater helfen den Landwirten genau jene herauszufiltern, die für ihren Standort und ihre Betriebsabläufe sinnvoll sind.

„Naturschutz bedeutet für die Landwirte in der Regel einen zusätzlichen Aufwand“, erklärt Dr. Karin Stein-Bachinger. „Dieser investiert nicht nur Zeit, er nimmt auch Ertragseinbußen in Kauf. Um hierfür einen Ausgleich zu schaffen, bedarf es auch der Unterstützung des Lebensmittelhandels und der Verbraucherinnen und Verbraucher.“ Den Landwirten zahlt das Handelsunternehmen Edeka daher einen Aufpreis für bestimmte Produkte, quasi als Naturschutz-Bonus. Für den Verbraucher entstehen keine Mehrkosten. Ein eigens entwickeltes Logo „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ kennzeichnet die Produkte. (…) Mehr als 50 Ökobetriebe in Nordost-Deutschland sind bereits zertifiziert. (…) Mit dem Kauf der Produkte kann jeder einen Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt leisten.

 

Quelle und mehr: https://idw-online.de/de/news668924 (Hendrik Schneider)