04/2012: Imker-Honigglas, antiquiert oder doch auf dem neuesten Stand?

Ferdinand Marcks aus Köln hatte die Frage gestellt, ob zukünftig auch eine Kunststoffaufspritzung als Dichtungsring auf die Innenseite des Deckels des Imker-Honigglases möglich sei. Da diese z. B. auch bei den Twist-Off-Metalldeckeln von Bio-Imkern (siehe Kohfink, 02/2012, S. 29) verwendet würde und demnach für den Honig nicht schädlich sei, könne damit zukünftig auf die Deckeleinlagen verzichtet werden. Dies spare Geld, Arbeit und schone die Umwelt. Der Deutsche Imkerbund solle hier aktiv werden!
Wir baten die D.I.B.-Geschäftsführerin Barbara Löwer um eine Stellungnahme und zusätzlich um eine generelle ökologische Bewertung des Imker-Honigglases.

Bis ins Jahr 1892 reicht die Idee zurück, ein einheitliches Warenzeichen für deutschen Honig zu schaffen. 1925 war es endlich soweit: Das Imker-Honigglas (Einheitsglas) wurde eingeführt und kam im Mai 1926 erstmals in den Handel. Nach leichten Veränderungen in den 30er und 70er Jahren wurde der Gewährverschluss erst 1994/95 grundlegend überarbeitet, bei Glas und Deckel aber lediglich das Logo ausgetauscht. Der Adler wurde nach umfangreichen Umfragen durch Elemente aus der Natur ersetzt. Regelmäßige Verbraucherumfragen führten 2010 zu einer erneuten Anpassung des Warenzeichens.
Aber an der Form und Größe des Glases und Deckels wurden seit der Einführung so gut wie keine Änderungen vorgenommen, so dass Glas und Deckel aus verschiedenen Produktionszeiten untereinander kombinierbar sind.

Anspruch: Mehrwegglas
Mit dem Imker-Honigglas sind höhere Qualitätsanforderungen verbunden, die einem Premium-Produkt entsprechen, das somit ebenfalls eine Premium-Verpackung verlangt. Das Imker-Honigglas war von Anfang an ein Mehrwegglas. Noch bevor Begriffe wie Mehrweg, Recycling oder Rückgabe bekannt waren, haben die Imker ihr Glas zurückgenommen und damit lange vor anderen den richtigen, einen ökologischen Weg beschritten – vielleicht auch aus Sparsamkeitsgründen? Wenn heute geschätzte rund 100 Millionen Gläser im Umlauf sind, so bestätigt dies jedenfalls die Richtigkeit des 1925 begonnenen Weges.

Anspruch: Umweltfreundlichkeit
Bei der Herstellung des Glases stammt der Hauptteil der Materialien aus dem näheren Umland. Entstehende Abfallprodukte – wie Ausschuss-Gläser – werden im Herstellungsprozess in vollem Umfang wieder genutzt. Das geschmolzene Glas besteht bis zu 40 % aus gereinigtem und gebrochenem Altglas. Im Gegensatz zu anderen Gläsern sind die Gewichtsabweichungen minimal.
Der bis in die siebziger Jahre verwendete Metalldeckel war nur bedingt mehrfach einsetzbar. Nach einiger Zeit begann er zu rosten, wurde allerdings dennoch von den Imkern vielfach weiter verwendet. Dies führte 1970 zu Überlegungen, den Metalldeckel durch einen Kunststoffdeckel zu ersetzen. In einer Übergangszeit wurden beide parallel produziert, ab 1978 dann nur noch der Kunststoffdeckel. Noch vorhandene, hygienisch einwandfreie Metalldeckel konnten jedoch weiterhin benutzt werden. Der Kunststoffdeckel besteht aus dem lebensmittelechten thermoplastischen Kunststoff Polypropylen (PP), ungiftig, stabil, nicht rostend, geschmacks- und geruchsneutral, wiederverwendbar, leicht zu reinigen. Ausschussmaterial im Werk selbst wird der Produktion wieder zugeführt. Das Material ist problemlos zu recyclen.

Anspruch: Nachhaltigkeit
Marktbeobachtungen zeigen, dass Glas wie Deckel so lange wiederverwendet werden, bis sie zerbrechen – und dies bei allen Gläsern, die seit Jahrzehnten im Umlauf sind. Glas und Deckel können beliebig miteinander kombiniert werden. Sogar ein Glas aus der Reichsfachgruppe Imker (ausgenommen die zu Kriegsende produzierten) kann mit einem heutigen Deckel verschlossen werden. Ein Beweis dafür ist, dass nach wie vor Millionen von Gläsern mit dem Adleremblem im Umlauf sind, obwohl diese seit 1998 nicht mehr produziert werden. Auch tauchen nach wie vor vereinzelt Gläser der Reichsfachgruppe Imker (produziert zwischen 1934 und 1944) in der Marktkontrolle auf, was darauf schließen lässt, dass sie ebenfalls noch genutzt werden.

Anspruch: Qualitäts-Verpackung
Die auf Wunsch der Imker eingeführte Dichtungslippe im Deckel kann die Dichtigkeit nicht voll gewährleisten, da die Mündungsöffnung von Gläsern produk­tionstechnisch nicht exakt kreisrund ist und daher die Dichtungslippe nicht überall gleichmäßig anliegt. Bei Benutzung einer Deckeleinlage ist die Dichtigkeit gegeben, was Laborversuche bestätigen. Deshalb wird sie empfohlen.
Zudem hat die Deckeleinlage hygienische Vorteile – vor allem bei Wieder- verwendung der gespülten Gläser – und es bestehen zusätzliche Informations- und Werbemöglichkeiten für den Echten Deutschen Honig.

Zum Vorschlag Dichtungsring
Um Herrn Marcks zu folgen und in die bestehenden Kunststoffdeckel einen Dichtring einzuspritzen, müssten neue, sogenannte Zwei-Komponenten-Werkzeuge angefertigt werden. Wobei zu klären wäre, ob sich eine eingespritzte dünne Dichtung überhaupt fest mit dem PP-Deckel verbinden ließe. Die Haftung auf PP ist nicht ganz einfach, wie von der Anbringung der Gewährlasche bekannt ist.
Eine Preisersparnis ergäbe sich sicher nicht, da ein solcher Deckel aufgrund des zweiten Materials und der ausgedehnten Fertigung kostspieliger wäre als der jetzt verwendete Deckel.
Außerdem sind Deckel mit eingespritzten Dichtungen, wie z. B. Twist-Off-Metalldeckel, aus hygienischen Gründen als Einmaldeckel ausgelegt. Der eingespritzte Kunststoff ist weicher und dadurch verletzlicher und kann daher nicht optimal gereinigt werden. Des Weiteren wäre ein Recycling des Deckelmaterials nur bedingt möglich, da es sich um einen Mischkunststoff handelte.
Aus diesem Grund ist ein Vorteil gegenüber der Deckeleinlage weder von der Umweltverträglichkeit noch vom Preis her gegeben, lediglich der Aufwand des Einlegens würde entfallen.

Auch wenn das Imker-Honigglas bezüglich Gestaltung, Ausstattung und Handling hin und wieder von Imkern kritisiert wird, zeigt es doch gerade beim Anspruch der Wiederverwendbarkeit deutliche Vorteile gegenüber den am Markt befindlichen Honiggebinden.
Barbara Löwer, Geschäftsführerin,
Deutscher Imkerbund e.V.
Villiper Hauptstr. 3, 53343 Wachtberg
deutscherimkerbund@t-online.de