11/2011: Wird Senfpollen nach einem Frost für Bienen giftig?

Frage:
Bei Diskussionen oder in Internetforen wird immer wieder davon geredet, dass der Senfpollen nach Frost toxisch auf die Bienen wirken soll. Ich konnte dazu jedoch keine Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen finden. Falls es diese gibt und die Vermutungen zutreffen, wäre es wichtig, dass die Imker die Landwirte darüber informieren.
Willi Dauwalter
Bioland-Imkerei, 88696 Owingen

Antwort:
Senf, der in Ackerbauregionen zur Gründüngung eingesät wird, kommt häufig im Spätherbst zum Blühen und wird von den Bienen beflogen. Eine Frostperiode bringt allerdings die Pflanzen zum Absterben, wodurch die Pollenbildung wie auch die Nektarsekretion schlagartig aufhören. Damit sind die Senffelder für Bienen auch nicht mehr interessant.
Die Bildung von giftigen Substanzen im Blütenpollen durch tiefe Temperaturen ist vom biologischen Verständnis ausgehend weder zu erwarten noch wurde sie in einer Untersuchung beschrieben. Wir haben an der Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim (LAB) in den vergangenen Jahren über lange Phasen gefrorenen Pollen in Zeltversuchen eingesetzt, ohne dass irgendwelche Probleme festzustellen waren.
Da in den Diskussionen über „giftige Senfpollen“ auch die mögliche Ursache Pflanzenschutz diskutiert wird, wäre auch folgendes festzustellen: Für Senf ist kein insektizides Beizmittel zugelassen. Gebeiztes Senfsaatgut ist daher im Handel auch nicht erhältlich. Allerdings darf Senf gegen Schädlinge, die vor und während der Blüte auftreten, mit bienenungefährlichen B4 und B2 (Abendanwendung) Insektiziden behandelt werden. Diese Präparate (mit verschiedenen Wirkstoffen, wie Pyrethroide und Thiacloprid) werden gegen die gleichen Schädlinge auch im Raps eingesetzt. Nur Senffelder, die im Frühjahr zur Blüte kommen und der Körnerproduktion dienen, werden damit bei Bedarf behandelt.
Kein Landwirt wird allerdings den Senf, der als Gründüngung oder Erosionsschutz im Sommer gesät wird, gegen irgendwelche Krankheiten oder Schädlinge behandeln. Dies wäre viel zu kostenintensiv. Er benötigt die Senfeinsaat nur, damit sie Nährstoffe und organische Substanz im Boden bindet bzw. anreichert.
Da der Senf im Spätsommer immer dann blüht, wenn irgendwo durch die Varroa bedingt Bienenvölker zusammenbrechen, fällt natürlich der Verdacht auf den Senf – aus meiner Sicht vollkommen zu Unrecht.
Dr. Klaus Wallner
LAB-Hohenheim