Nagen Bienen Weintrauben an?

Frage: Ende September besuchten meine Frau und ich eine Winzerfamilie in Lorch am Rhein. Im Gespräch über die Traubenqualität und Erntemenge klagte mir der Winzer sein Leid. Viele Trauben könnten nicht verarbeitet werden, da sie stark angefressen und ausgesaugt wären. Die Verursacher seien die Bienen! Das konnte ich nicht glauben. Ein Imker aus der Nachbarschaft hätte seine Völker zwar schon bergauf verstellt, aber die Bienen würden wiederkommen, war sich der Winzer bewusst. Und so kam es auch! Kann es denn sein, dass Bienen die Trauben anbeißen? Ich meine mich aus einem früheren Bericht zu erinnern, dass zuerst die Wespen die Schale aufbeißen müssen, bevor die Bienen die Trauben aussaugen können. Doch ich konnte mich überzeugen: In diesem Jahr waren nirgends Wespen zu sehen, aber viele Bienen saßen an den Trauben! Ist dieses Verhalten normal? Gibt es eine Möglichkeit, dieses zu verhindern? Gibt es Imker, die hierzu Erfahrungen haben?

Horst Künkler
Amselstraße 6, 57520 Friedewald

Antwort:
Bienen waren schon immer Besucher der Weinberge während der Traubenreife. Nahm man früher an, dass Wespen und Vögel Vorarbeit leisten müssen, um den Bienen Zugang zum süßen Saft zu verschaffen, weiß man heute, dass auch der Gesundheitszustand der Trauben eine große Rolle spielt. Besonders in den letzten Wochen der Reife können dünnschalige Beeren feine Haarrisse bekommen, die den Bienen erlauben, sie anzubeißen und auszusaugen. Die Winzer sind umwelt- und auch kostenbewusster geworden und setzen nicht mehr so viel Pflanzenschutzmittel ein wie noch vor Jahren. Das mag in Einzelfällen dazu führen, dass die Trauben bis zur Lese nicht mehr so gut durchhalten. Über den Schaden gehen die Meinungen auseinander. Der Vorwurf der Übertragung des Essigstiches trifft auch die Millionen anderer Insekten, die im Weinberg unterwegs sind. Manche sehen den Bienenbesuch sogar positiv, wenn es gelingt, angeschlagene Beeren trocken zu legen und damit den Infektionsherd zu beseitigen. Dass der Mosteintrag und damit eine Ertragsminderung unwesentlich ist, konnte schon nachgewiesen werden. Außerdem sollte jeder Imker wissen, dass Fruchtsaft ein denkbar schlechtes Winterfutter ist. Da sich die Bienen nicht einsperren lassen wie die Hühner, kann das Problem nur durch gegenseitige Rücksichtnahme und Aufklärung, wenn nicht gelöst, so doch gemindert werden.

Fachberater Armin Spürgin
Regierungspräsidium Freiburg