Sind Winterbienen immun gegen die Varroa?

Frage:
In einem Imkervortrag habe ich gehört, dass Winterbienen durch ein besonderes Hormon vor dem Befall der Varroa geschützt werden? Stimmt das und wenn ja, gibt es Untersuchungen, diese Immunität auf die anderen Bienen zu übertragen?
Ursula Müller, Bürgermeister-Jakob-Karg-Straße 13
85630 Grasbrunn

Antwort:
Wie Zecke oder Floh ernährt sich auch die Varroa-Milbe ausschließlich vom Blut ihres Wirtstieres. Praktisch, denn stets huckepack auf einer Biene, erspart der Parasit sich jede weitere Suche nach Futter. Doch diese Bequemlichkeit hat auch Nachteile: Liefert die Biene einmal nicht Blut in ausreichender Menge oder Qualität, ist das Leben oder zumindest eine erfolgreiche Vermehrung des Parasiten gefährdet. Erwachsene Varroa-Weibchen sind jedoch robust. Egal ob Brutamme oder Sammlerin, ob Sommer- oder Winterbiene, solange die Biene lebt, ist auch der Blutsauger kaum kleinzukriegen. So ist es vermutlich einzig die Altersschwäche, die im europäischen Winter von Oktober bis Februar neben etlichen Winterbienen auch etwa ein Drittel aller Milben eines Volkes dahinrafft.
Anders sieht es jedoch aus, wenn Varroa sich vermehren möchte. Fortpflanzungswillige Weibchen wechseln dann von ihrer erwachsenen Trägerbiene z. B. in Arbeiterinnen-Brutzellen. Dort legen wohlgenährte Milben in der knappen Verdeckelungszeit bis zu 6 Eier von enormer Größe ab. Nach nur 6 Tagen ist aus dem ersten ein erwachsenes Männchen entstanden, 1½ Tage später erreicht die erste Tochtermilbe die Geschlechtsreife. Schlüpft die Jungbiene aus ihrer Zelle, sind im Mittel auch etwa 1,4 Tochtermilben voll lebenstüchtig und sogar schon verpaart.
Doch wie gelingt es dem Parasiten, seine eigene Vermehrung so exakt auf die Entwicklung seines Wirtes abzustimmen? Vor etwa 20 Jahren entdeckten Forscher einen auffälligen Zusammenhang zwischen der Fruchtbarkeit von Varroa und der Menge an Juvenilhormon III im Bienenblut. Dieses Hormon, das wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung und das Verhalten von Bienen ausübt, sollte über die Blutmahlzeiten auch den Milben den Startschuss zum Befall einer Brutzelle sowie für eine erfolgreiche Eibildung geben. Dieser Theorie zufolge sollten die hohen Hormondosen älterer Sommerbienen und junger Larven eine gute Fortpflanzung gewährleisten. Der deutlich geringere Anteil reproduzierender Milben in der ersten Frühjahrsbrut wurde durch den Aufenthalt auf hormonarmen Winterbienen erklärt. Ein Silberstreif tat sich auf am Horizont des europäischen Varroa-Problems: Könnten die Milben nicht einfach durch einen künstlichen Mangel an Bienenhormonen bekämpft werden?
Leider sprechen inzwischen zahlreiche Versuche gegen einen direkten Effekt des Juvenilhormons auf den Blutsauger. So unterscheiden sich südamerikanische oder asiatische Bienen, auf denen sich die Varroa kaum fortzupflanzen vermag, nicht im Juvenilhormongehalt von unseren anfälligen Bienen. Künstliche Hormongaben in Bienenlarven führen nicht zu einer besseren Vermehrung der Milben. Und anders als ursprünglich vermutet, kann die Varroa auf einen Aufenthalt auf hormonreichen erwachsenen Bienen zwischen ihren Brutzellbesuchen sogar vollständig verzichten und trotzdem bis zu 7 Mal erfolgreich Nachkommen zeugen. Nicht zuletzt ist gerade das Saugen an frisch verdeckelten Larven, ein Bienenstadium, in dem praktisch kein Juvenilhormon nachweisbar ist, für die Milben-Vermehrung essentiell.
Inzwischen scheint klar: Duftstoffe und das inhaltsreiche Blut frisch verdeckelter Bienenlarven sind unerlässliche Faktoren, die stimulierend auf die Eiablage der kleinen Vampire wirken, die „Hormon-Pille“ gegen die Varroa wird es jedoch vermutlich nie geben.
Dr. Pia Aumeier