Treu oder nicht? – Ausnahmen bestätigen die Regel …

Frage: zum Pflanzenporträt, 10/08, S. 31
In oben genanntem Artikel schreibt Helmut Hintermeier vom Greiskraut, dass reine Greiskraut-Pollenhöschen selten sind und die Pollen in Mischhöschen, zusammen mit Pollen anderer Frühjahrsblüher eingetragen werden. Dies widerspricht der allgemein vertretenen Meinung, die Bienen seien blütentreu und würden auf ihrem Sammelflug nur eine Blütenart besuchen. Für Aufklärung in dieser Sache wäre ich Ihnen dankbar.
Eugen Murr, Angerweg 5, 78166 Wolterdingen

Antwort: Die Überlegenheit des Superorganismus „Bien“ zeigt sich immer wieder in seiner Anpassungsfähigkeit auf sich verändernde Umweltbedingungen. Er funktioniert nämlich nicht „starr“ nach strengen Gesetzen, sondern nach Regeln, die Ausnahmen zulassen.
So verschafft das Verhalten „Blütenstetigkeit“ den Honigbienen Vorteile, ertragreiche Futterquellen rationell und energiesparend nutzen zu können. Man verbraucht nicht erst viele Flugstunden, wenn man „weiß“, wo es etwas zu holen gibt. Versiegt nun aber eine solche Quelle, beginnen sich Sammlerinnen umzuorientieren. Sie befliegen zuerst noch ihre ursprünglich ertragreichen Blüten und beginnen dort Nektar zu sammeln bzw. zu höseln. Erweisen sich diese nach und nach als weniger ergiebig, suchen die Sammlerinnen nach anderen Blüten und fliegen sich auf diese ein. Bei so einem Wechsel entstehen gemischte Pollenhöschen. Ebenso, wenn Pflanzen nur selten sind, dann gehen Honigbienen den ökonomischen Weg und wählen auch andere Blüten, anstatt durch lange Wege Zeit und Energie auf der Suche nach nur einer Blütenart zu verschwenden.
Dass der Anteil von gemischten Pollenhöschen vom Futterangebot abhängt, schließen auch die Autoren Schick/Spürgin in ihrem Buch „Die Bienenweide“. Auf Seite 24 weisen sie auf unterschiedliche Ergebnisse aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bei der Pollenanalyse von Pollenhöschen hin. So fand Betts bei einer Untersuchung von 3.437 Proben 93,2 % reine Pollenpakete und nur 6,8 % gemischte. Brittain fand bei 274 Proben dagegen einen Anteil von 38 % an gemischten Pollenpaketen. Im zweiten Fall scheint die Ergiebigkeit der primären Trachtquelle wohl weniger hoch gewesen zu sein.
Die Aussage, durch ihre Blütenstetigkeit seien Honigbienen für die Bestäubungsleistung sehr leistungsfähig und daher besonders wichtig, behält also dennoch ihre Gültigkeit. Schließlich wechseln sie von ertragreichen Trachtquellen (Raps, Obst, Gemüse) im Regelfall erst dann auf andere, wenn erstere am Abblühen sind.
Dr. Jürgen Schwenkel