Ungewöhnliches Verhalten bei Feldwespen beobachtet

Hans Neudert vom Freigerichter Imkerverein schildert seine Entdeckung aus dem Winter: Neben einer Hofeinfahrt fand ich auf dem Boden dieses Nest der Gallischen Feldwespe. Es war mit acht Wespen besetzt, welche die noch vorhandene Brut wärmten. Ich habe das Nest mit den acht aufsitzenden Wespen mit ins Gewächshaus genommen und in meiner Kakteensammlung untergebracht. Mit einer Honiggabe habe ich sie aufgefüttert, was sie auch angenommen haben. Im Laufe von mehreren Tagen haben sechs Wespen das Nest verlassen, sich zwischen den Kakteen verteilt und sind nicht mehr zurückgekehrt.
Wie auf dem Bild zu sehen ist, blieben zwei Wespen beisammen, wobei mir auffiel, dass die etwas größere sich ständig an ihrer Partnerin zu schaffen machte. Bei genauerer Betrachtung konnte ich erkennen, dass die Größere der Kleineren beide Flügel bis auf kurze Stummel abgebissen hat. Beide sitzen nun friedlich nebeneinander und warten wahrscheinlich auf das Frühjahr.
Wie in der Literatur beschrieben, ist die Gallische Feldwespe wohl die einzige ihrer Art, bei der alle weiblichen Tiere begattet sind und gemeinsam auch während der kalten Jahreszeit zusammenbleiben.
Viele Fragen stellen sich mir über das Verhalten der beiden Tiere. Wurde vielleicht auf diese Weise eine Rangordnung ausgetragen oder hat die Stärkere ihrer übriggebliebenen Partnerin die Flügel abgebissen, um deren Flucht zu verhindern?

Wildbienen- und Wespenexperte Rolf Witt kommentiert:
Bei der Haus-Feldwespe (Polistes dominula), die früher auch Gallische oder Französische Feldwespe genannt wurde, trifft man häufig auf Überwinterungsgesellschaften. Bei dem gefundenen Nest ist mit Sicherheit keine Brut mehr gewärmt worden. Bei den Tieren handelt es sich in der Regel um Schwestern, die auch auf oder an ihrer Geburtswabe überwintern. Diese Jungköniginnen gründen dann im nächsten Jahr ein neues Nest. Dabei schließen sich oft mehrere Schwestern zur Gründung eines Volkes zusammen. Schon während der Überwinterung kann es zu Rangkämpfen kommen. Normalerweise kommt es hierbei aber nicht zu Verletzungen. Es bildet sich jedoch eine feste Hierarchie heraus. Kurz nach der Eiablage frisst das stärkste Weibchen die Eier der anderen  Weibchen so lange, bis diese sich unterordnen und nur noch als Arbeiterinnen betätigen.
Die Umquartierung des Nestes in das sicherlich wärmere Gewächshaus wird verstärkte Aktivitäten ausgelöst haben. Es wird sich um einen Rangkampf gehandelt haben. Dabei geht es um die Ausfechtung einer hierarchischen Struktur unter den gemeinsam arbeitenden Jungköniginnen. Das hier verletzte Tier wird sich im Frühjahr an der Gründung eines neuen Volkes sicherlich nicht mehr beteiligen können. Eventuell kann es sich auch um ein Weibchen gehandelt haben, das aus einem anderen Volk stammte, oder um eine alte Arbeiterin.
Die Umquartierung ins Gewächshaus war gut gemeint, es wird aber empfohlen, im Winter keine überwinternden Tiere in die Wärme zu holen. Dadurch kann der normale Rhythmus völlig durcheinandergeraten und das Überleben gefährdet werden.

Kontakt: witt@umbw.de