Wegstellen oder stehen lassen?

Es war Mitte November, als uns Alex Schlecht aus Kirchweidach schrieb: Meine Bienen sitzen schon in einer lockeren Wintertraube, denn es hat tagsüber noch bis zu 10 °C, nachts um die 4 Grad. Sie stehen im Garten, durch eine 2 Meter hohe Thujahecke von der Straße getrennt.
Seit ein paar Tagen wird die Straße aufgegraben, denn es sollen Rohre verlegt werden. Wie es scheint, stört es die Bienen nicht. Abends kann ich durch das Flugloch die Wintertraube beobachten und keine Aufregung erkennen. Die letzten Tage konnten sie auch an Föhntagen nochmal ausfliegen und trugen Pollen ein. Doch nun wird es kühler.
Da beim Verschließen des Grabens in 2 bis 3 Wochen Verdichtungsarbeiten mit einer Rüttelmaschine geplant sind und die Wetterprognose erste Nachtfröste ankündigt, mache ich mir Sorgen. Werden meine Bienen – 6 Völker stehen nur 5 Meter von der Straße entfernt – dadurch in ihrer Winterruhe gestört? Stürzen sie eventuell nach draußen und erfrieren oder nehmen sie vermehrt Futter auf und belasten ihre Kotblase?
Wie kann ich sie schützen? Soll ich abwandern – was ein hoher Aufwand wäre, da es insgesamt 24 Völker sind. Vielleicht kann ich irgendwas unterlegen, damit die Erschütterungen abgefedert werden? Oder kann ich die Völker verschließen (Boden offen) und vorsichtig ans andere Ende des Grundstücks verstellen (10 Meter), wenn kein Flugwetter herrscht?
Antwort: Wenn die Gefahr besteht, dass derartige Rüttelarbeiten in der Wintertraubenphase in unmittelbarer Nähe von Bienenvölkern durchgeführt werden, plädiere ich immer dafür, sie wegzustellen. Auch wenn der Aufwand etwas größer ist.
Ob es ausreicht, die sechs Völker nur die besagten 10 Meter weiter zu verstellen, lässt sich schwer beurteilen. Zudem ist zu bedenken, dass es bisher noch keine längere flugfreie Phase gegeben hat. Sie fliegen daher immer noch an den alten Standort zurück, wenn es noch einen warmen Tag gibt.
Um zu beurteilen, ob das Unterlegen von Schaumstoff (Matratzen-Reste) die Stöße abmildern kann, fehlt mir die Erfahrung.
Zur Frage, ob die Bienen herausstürzen werden, ist festzustellen: Bei stärkerer Kühle/Kälte ist die Gefahr des Herausfliegens weniger gegeben, aber bei Grenztemperaturen wie bei 5 bis 10 °C schon. Damit könnte es durch das wiederholte Rütteln zu schleichenden Bienenverlusten kommen.
Vor Jahren wurde mir ein Fall bekannt, wo durch massive Erschütterungen Völker eingingen. Solcherart gestörte Völker können unruhiger sein, verbrauchen eventuell mehr Futter, belasten dadurch ihre Darmblase und zeigen Ruhr- und Nosema-Erscheinungen. Eventuell können sie auch den Kontakt zum Futter verlieren.
Derartige Erdverdichtungsarbeiten, von kurzer Dauer, sind nicht vergleichbar mit Erschütterungen, die beispielsweise neben Bahngleisen durch vorbeiratternde Züge entstehen. Letztere kündigen sich langsam an. Die Völker kennen diese Erschütterungen und bewerten sie als gefahrlos (Lerneffekt), da sie ja nicht erst im Winter dort platziert werden.
Es gäbe auch die Möglichkeit, dass Sie die Baustellenleitung informieren und darauf hinweisen, dass bei Schadenseintritt Regress gefordert wird. Gegebenenfalls könnten Sie den durch die Wanderung entstehenden Mehraufwand der Firma auch in Rechnung stellen.
Da potenziell ein Schaden zu befürchten ist, bräuchten Sie eine Begutachtung eines fachkundigen Imkers (Vereinsvorsitzender). Dieser müsste den Zustand der Völker vorher und – bei Schadenseintritt – nachher beurteilen, um so das Schadensausmaß, das durch die „Erschütterungen“ ausgelöst wurde, festzuhalten. Beim aktuellen Varroamilbendruck sind eine schlüssige Beweisführung und der eindeutige Beweis von Ursache und Auswirkung durch die Rüttelarbeiten allerdings sicher nicht einfach.
Da die Bauarbeiten für die Überwinterung also sicher nicht günstig sind, wäre ein vorübergehendes Abwandern zumindest der sechs Völker – am besten ca. 3 km weit – die sicherste Variante.   Bruno Binder-KöllhoferFachberater für BienenzuchtBruno.Binder-Koellhofer@llh.hessen.de