Wie entstehen möglichst viele Winterbienen?

Frage: Trifft es zu, dass Königinnen, die erst Ende Juni begattet werden (nach der Sommersonnenwende), in einem mit Brutwaben gebildeten Ableger keine eigenen Winterbienen mehr bilden? Es gibt Literaturquellen, die aussagen, man müsse stattdessen die Königinnen in Kunstschwärme einweiseln. Ich kann mir das schlichtweg nicht vorstellen.
Welche betriebstechnischen Möglichkeiten hat man überhaupt, dass der Anteil an Winterbienen möglichst hoch ist?
Dr. Reiner Buder
Karsauerstraße 43, 79618 Rheinfelden
reiner.buder@novartis.com

Antwort:
Ihre Zweifel an dieser Aussage sind berechtigt. Zwar wissen Züchter und beachten es auch, dass eine Prüfkönigin möglichst früh eingeweiselt werden soll, damit sie mit vielen eigenen Nachkommen in den Winter geht. Nur so lässt sich die Winterfestigkeit und Frühjahrsentwicklung des Prüfvolkes (besagte Königin mit ihren Nachkommen) beurteilen, und die Werte werden nicht durch Arbeitsbienen der vorherigen Königin verfälscht. Wenn aber die Bildung der Ableger bis etwa Mitte, spätestens Ende Juli erfolgt, reicht es aus. Nur bei einer späteren Bildung bzw. Einweiselung stammt eine größere Anzahl von Winterbienen von der vorherigen Königin ab.
Grundsätzlich braucht es zur Aufzucht von vitalen Winterbienen einmal eine gute Pollenversorgung der Ammenbienen und damit eine gute Gelée royale- und Pollen-Versorgung der Larven sowie eine ausreichende Pollenaufnahme der Jungbienen nach dem Schlupf. Dies alles führt zu einem großen Fett-Eiweiß-Depot – aber auch nur dann, wenn die Larven keine Parasitierung durch die Varroamilben erleiden. Wenn die gut ernährten Bienen sich dann nicht der Brutpflege widmen, bleiben sie langlebig und bilden die Winter-Stockinsassen, also die langlebigen Winterbienen.
Die Bildung von Winterbienen und damit die Volksstärke im Winter werden einerseits genetisch, aber zum größeren Teil auch durch die Völkerführung bestimmt. So bewirkt z. B. eine Reizfütterung – wie häufig angenommen – eben nicht zwangsläufig stärkere Völker. Dadurch widmet sich nämlich ein größerer Anteil der (Winter-) Bienen der Brutpflege und wird so wieder zur kurzlebigen Sommerbiene.
Positive, den Winterbienenanteil fördernd beeinflussende Faktoren und Maßnahmen sind:
– reichlich Raum (1,5 – 2 Bruträume) und reichlich Futter belassen,
– eine Tracht von Juni bis September (ohne Reizung),
– kein vollständiges Honigabernten – Reserven belassen,
– kein Rumlungernlassen bei Trachtpausen und
– eine möglichst kurze Varroabehandlung mit Ameisensäure (da andernfalls starker Brutrückgang).

Übrigens kann man äußerlich nicht erkennen, was eine Sommer- und was eine Winterbiene ist – auch wenn teilweise in der Literatur von den „größeren, dickeren Bienen“ die Rede ist.
Zum genetischen Einfluss ist noch auszuführen, dass eingeführte, an unsere Bedingungen nicht angepasste Bienenstämme diesbezüglich häufig Schwächen zeigen und ohne züchterische Bearbeitung versagen. So waren z. B. die in den 70er Jahren bei uns eingeführten ersten Buckfast-Abkömmlinge noch stärker von der Spättrachtbiene der Dartmoor-Heide beeinflusst, die schwächer überwinterten – also wenig Winterbienen anzogen – als die heutigen „frühbrütigen“ Buckfast-Linien. Dem versuchte man häufig durch eine Ablegerverstärkung im Spätherbst entgegenzuwirken. Aber auch die Carnica ist heute wesentlich brutstärker und bildet deutlich mehr Winterbienen. Dies lässt sich auf die Umstellung von kleinen Bruträumen auf großräumige Magazine, andere Betriebsweisen und die Selektion auf starke Völker zurückführen.

Bruno Binder-Köllhofer
Fachberater für Bienenzucht
Bieneninstitut Kirchhain