Wie wirkte die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf den Honig?

Frage: Da ich 1986 noch kein Imker war, interessierten mich die Folgen des Supergaus für die Imkerei seinerzeit noch nicht. Doch nun würde ich gern wissen: Waren die deutschen Honige damals noch verkehrsfähig? Hatte die Verstrahlung Auswirkungen auf den Bienenbestand in der BRD? Alfred Scherer, Saarwellingen
Antwort: Im Jahr 1986 führte der Reaktorunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl zu einer radioaktiven Belastung weiter Teile Europas. Auch Deutschland wurde durch den Fallout belastet, wenn auch bedingt durch Witterung und Windrichtung in sehr unterschiedlicher Stärke. Bedingt durch die unterschiedlichen Halbwertzeiten der im Fallout enthaltenen Isotope waren nach einiger Zeit nur noch die langlebigen, wie insbesondere das Caesium 134 (t½ = 2,1 Jahre) und Caesium 137 (t½ = 30,2 Jahre) relevant. Die erheblichen Unterschiede in der Belastung konnten durch die regionalen Unterschiede in der Falloutstärke erklärt werden.
Die ersten Honige in 1986, geerntet kurz nach dem Reaktorunfall, waren vor allem mit Iod (t½ = 8 Tage) belastet. Während bereits 1987 untersuchte Blütenund Honigtauhonige keine oder nur noch sehr geringe Belastungen aufwiesen, stieg die Belastung bei Heidehonigen sogar noch an. Untersuchungen im Bieneninstitut Celle und dem damaligen Chemischen Untersuchungsamt Braunschweig (heute gehören beide Institute zum Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit – LAVES) zeigten, dass Besenheide (Calluna vulgaris) auf dem sauren, Kalium armen Boden Caesium selektiv aufnimmt und mit dem Nektar ausscheidet und sich somit entgiftet. Andere Pflanzenarten am selben Standort waren deutlich weniger mit Caesium belastet und überwiegend keine Nektarproduzenten. Hinzu kommt, dass das Caesium durch Niederschläge im Boden zwar sehr langsam, aber beständig in immer tiefere Bodenschichten verlagert wird. So ist es erklärbar, dass Heidehonige im Gegensatz zu anderen Honigen mit Cs134/137 belastet sind und diese Belastung über die ersten Jahre nach „Tschernobyl“ sogar noch angestiegen ist, da das Caesium erst allmählich über Jahre in den Haarwurzelbereich gelangte und ebenso langsam diesen wieder verlässt.
Seit nunmehr 28 Jahren werden jedes Jahr vom LAVES Institut für Bienenkunde
Celle Bienenvölker an spezifischen Standorten in der Lüneburger Heide aufgestellt, Heidehonige über Vorschleuderung und anschließendes Stippen sehr sortenrein geerntet und auf Sortenreinheit und radioaktive Belastung untersucht. Einige Zahlen zur radioaktiven Belastung mit Cs134/137 sollen diese zeitliche Entwicklung verdeutlichen:
1986: ca. 300 Bq/kg, 1987 > 700 Bq/kg, 1990 > 1.000 Bq/kg, 1995 > 500 Bq/kg, 2000 ca. 260 Bq/kg, 2005 ca. 286 Bq/kg und in den letzten Jahren im Bereich 50 bis 100 Bq/kg mit abnehmender Tendenz. Diese Entwicklung ist neben einzelnen Veröffentlichungen vor allem kontinuierlich in den Jahresberichten des Bieneninstituts Celle von 1986 bis 2011 dargestellt worden. Im Vergleich zu anderen Standorten und den jeweiligen Heidehonigen waren die Belastungen der Institutsstandorte die höchsten Werte. Aus Forschungssicht hatte das Bieneninstitut Celle somit das Glück, mit seinen Heidewanderplätzen über besonders kritische Standorte bezüglich Fallout und daraus resultierender radioaktiver Belastung der Heidehonige zu verfügen.
Andere über die Jahre untersuchte Honige, die keinen Heidenektar als Rohstoff enthielten, wiesen keine Caesium-Belastungen auf. Der Grenzwert beträgt für Honig und andere Lebensmittel 600 Bq/kg. Wegen der besonderen Verhältnisse der Heidetracht wurden durch die staatliche Lebensmittelkontrolle in früheren Jahren Heidehonige besonders intensiv mit hoher Stichprobenzahl und bis heute von besonderen Standorten auf die radioaktive Belastung untersucht. Bei Grenzwertüberschreitungen werden Honige beanstandet und sind nicht mehr verkehrsfähig. Imker haben in der kritischen Phase von 1986 bis in die 90er Jahre vor der Vermarktung erst ihre Honige im Rahmen eines Monitorings des Bieneninstitutes Celle zur radioaktiven Belastung von Heidehonig
untersuchen lassen, bevor sie den Honig vermarktet haben.
Dr. Werner von der Ohe