Wirkt die Ameisensäure nicht mehr?

Frage: Sehr geehrter Herr Dr. Ritter ich habe Ihren Bericht in der Januar-Ausgabe über Varroa-Behandlungsmittel gelesen, das war ein „Volltreffer“ – sehr interessant und lehrreich!
Ich bin seit 15 Jahren Imker und betreue den Bienenstand im Gartenbauverein-Firnhaberau Augsburg. Ich behandle meine 10 Völker seit 7 Jahren mit Ameisensäure und Oxalsäure. Meine Beuten haben Drahtgitter mit Bodenschieber, so kann ich die Varroaentwicklung ganzjährig beobachten.
Bis vor 4 Jahren habe ich zweimal mit Ameisensäure behandelt, dann dreimal und die letzten 2 Jahre sogar viermal (plus je eine OS-Behandlung im Winter). Seit 2009 zählte ich ständig steigende Milbenzahlen: 295, 324, 364, 620, 856 und 876.
Wieso sind so viele Milben in den Völkern, obwohl ich viermal behandle und auch immer Drohnenwaben ausschneide?
Sind die Milben gegen die Ameisensäure resistent geworden?
Gustav Bonfert
Antwort: Vielen Dank, von solch genauen Beobachtungen aus der Praxis lebt die Wissenschaft. Besonders bei sich möglicherweise entwickelnden Resistenzen sind Beobachtungen von Imkern äußerst wichtig!
Bei synthetischen Wirkstoffen, also solchen, die in der Umgebung von Bienen oder Milben eigentlich nicht vorkommen, können sehr schnell Resistenzen entstehen. So dauerte es in den 90er Jahren bei den synthetischen Pyrethroiden nur wenige Monate, bis sie europaweit nicht mehr wirkten. Ähnliches beobachtet man regional bei Amitraz und Coumaphos.
Bei natürlichen Stoffen kommt es dagegen seltener und wenn doch, nicht so schnell zu Resistenzen, da Milben und Bienen schon seit Jahrtausenden damit in Kontakt sind.
Trotzdem vermuten Manche bei Ameisensäure ebenfalls Resistenzen, da entweder nach der Behandlung nur wenige Milben fallen und anschließend trotzdem Probleme auftreten,
oder wie bei Ihnen die Zahl der Milben von Jahr zu Jahr steigt. Gründe können die Witterung, die Völkerentwicklung, eine mögliche Reinvasion, aber auch eine zunehmende Widerstandskraft der Milben sein. In den letzten 30 Jahren ist nicht nur die Schadenschwelle der Varroose gesunken, sondern
es musste auch immer intensiver bekämpft werden (siehe „Varroa und kein Ende“, 01/2011, Seite 7). Eigentlich nicht überraschend, selektieren wir doch mit jeder Behandlung die starken Milben.
Dennoch kann man die Varroa, wie Sie es tun, mit einem ganzjährigen Behandlungskonzept in Schach halten. Wobei es keine 100%ige Therapie gibt und Zusammenbrüche immer möglich sind. Wichtig ist, sorgfältig zu beobachten und offen damit umzugehen. So können wir uns und unsere Bienen vor Überraschungen am besten schützen.
Dr. Wolfgang Ritter
ritter@bienengesundheit.de