Wesensgemäß Imkern: Die wissenschaftliche Sicht

Wesensgemäßes Imkern stärkt die Vitalität der Bienen. Das bestätigen auch wissenschaftliche Forschungen.

Wer wesensgemäß imkert, lässt seine Bienen schwärmen. Durch die Brutpause haben sie weniger Probleme mit der Varroamilbe. Foto: Norbert Poeplau
Wer wesensgemäß imkert, lässt seine Bienen schwärmen. Durch die Brutpause haben sie weniger Probleme mit der Varroamilbe. Foto: Norbert Poeplau

In unserer Rubrik „Imkern übers Jahr“ verraten Johannes Wirz und Norbert Poeplau von Mellifera e.V., wie sie in der Einraumbeute wesensgemäß imkern und was jeden Monat bei den Bienen zu tun ist.

Bereits in der letzten Monatsbetrachtung „Wesensgemäße Bienenhaltung: Das steckt dahinter“ haben wir die drei Kernelemente dieser Betriebsweise vorgestellt:

  • Schwarmprozess
  • Naturwabenbau
  • Verzicht auf Königinnenzucht

Diese Ansätze entwickelten sich anfangs durch Beobachten und Einfühlen. Heute bestätigt es auch die Wissenschaft: Diese Kernelemente sind wichtig für Vitalität, Gesundheit und Fleiß der Bienen.

Weniger Varroamilben durch Schwärme

Wenn ein Volk schwärmt, haben alle Volkseinheiten eine brutfreie Phase. Sowohl der Vorschwarm, die Nachschwärme, aber auch das Restvolk, das mit der jungen Königin zurückbleibt. Dadurch können sich die Varroamilben nicht mehr so stark vermehren. Der US-amerikanische Bienenwissenschaftler Thomas Seeley hat das Verhalten von Völkern in kleinen und großen Beutensystemen verglichen. Wie zu erwarten war, schwärmten die Völker in einer kleineren Behausung von etwa 40 Litern viermal häufiger als in einer größeren mit ungefähr 160 Litern. In der Folge verringerte sich die Milbenzahl auf den Bienen um das Dreifache. Schäden durch das Flügeldeformationsvirus wurden nur bei Bienen in der großen Beute beobachtet. Schwärmen ist also die beste Hygienemaßnahme für Bienenvölker. Es ist daher nicht verwunderlich, dass alle biotechnischen Methoden zur Varroabekämpfung eine Brutunterbrechung beinhalten: Der Kunstschwarm, das Bannwabenverfahren oder das Käfigen der Königin.

Wesensgemäß imkern: Gesunde Völker durch Naturwabenbau

Konventionelle Imker sehen den Naturwabenbau oft kritisch. Manche bezweifeln sogar, dass die Bienen überhaupt Waben mit Arbeiterinnenzellen bauen können, da sie Naturbau nur aus dem Drohnenrahmen kennen. Zusätzlich kostet es sechs bis acht Kilogramm Honig, wenn man auf Mittelwände verzichtet. Denn die Bienen brauchen viel Energie aus dem Honig wenn sie Waben bauen. Doch sie „schwitzen“ sich dabei auch gesund. Sie können sich durch den Bau frischer Waben von Faulbrut-Sporen und Sauerbrut-Bakterien befreien. Deshalb kann ein leichter Befall durch das Kunstschwarmverfahren mit anschließendem Naturbau saniert werden. Hinzu kommt, dass das Wachs oft Pestizide aus der Landwirtschaft enthält, die die Bienen mit Nektar und Pollen eintragen. Wenn wir wesensgemäß imkern, scheiden wir dieses Altwachs aus dem Wachskreislauf aus. Leitstreifen im Brutraum und Mittelwände im Honigraum fertigen wir nur aus Naturbau oder Deckelwachs.

Standbegattung statt Zucht

Wir hatten vor drei Jahren eine Gruppe von 50 Studierenden und einem Professor der Uni Hohenheim zu Gast. Sie waren verwundert, wie zahm unsere Bienen sind und waren überrascht, dass wir nicht züchten, sondern durch Standbegattung vermehren.
Hier stellt sich die Frage, welche Eigenschaften der Bienen genetisch und welche durch den Standort bedingt sind. Bereits 1976 untersuchte Friedrich Ruttner (zuletzt Leiter des Bieneninstitutes Oberursel) den Brutumfang von Völkern aus einer Carnica-Reinzucht und einer Buckfast-Linie auf zwei verschiedenen Standorten. Dabei gab es keine Unterschiede zwischen den Rassen, aber zwischen den Standorten. Beide Rassen hatten an einem Standort mehr, und am anderen Standort weniger Brut. Die Wirkung der Umwelteinflüsse scheint also stärker als die der Genetik. Wille und Gerig vom Schweizerischen Zentrum für Bienenforschung kamen zu einem ähnlichen Schluss.
Außerdem haben Völker, deren Königinnen standbegattet sind, eine höhere genetische Vielfalt: In der Schweiz wurden an einem Sammelplatz Drohnen von 240 verschiedenen Herkünften gefunden. Auf Belegstellen fliegen oft nur Männchen von fünf oder weniger Völkern. Je mehr Drohnen eine Königin begatten, umso besser werden später die Völker.

Gekürzte Fassung von Dr. Johannes Wirz und Norbert Poeplau/Red.

Die vollständige Monatsbetrachtung finden sie im Februar-Heft 2020 von bienen&natur.
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Kann ein Bienenschwarm ohne Imker überleben?