Wesensgemäße Bienenhaltung: Das steckt dahinter

Johannes Wirz und Norbert Poeplau von Mellifera erklären, was es bedeutet „wesensgemäß“ zu imkern. Und wo der Unterschied zu artgemäß ist.

Naturwabenbau ist ein Element der wesensgemäßen Bienenhaltung. Foto: Mellifera e.V.
Naturwabenbau ist ein Element der wesensgemäßen Bienenhaltung. Foto: Mellifera e.V.

In unserer Rubrik „Imkern übers Jahr“ verraten Johannes Wirz und Norbert Poeplau von Mellifera e.V., was eine wesensgemäße Bienenhaltung in der Einraumbeute ausmacht und was jeden Monat bei den Bienen zu tun ist.

Wesensgemäße Bienenhaltung: Nach dem Wesen des Biens

Der Begriff „wesensgemäß“ sagt es schon: Wir richten uns nach dem „Wesen“ des Bienenvolks und respektieren es in seiner Gesamtheit. Arbeiterinnen, Drohnen und Königin betrachten wir nicht einzeln. Vielmehr sehen wir das gesamte Volk als einen einheitlichen Organismus an, den wir den „Bien“ nennen.

Die Beziehung des Imkers zu den Bienen gleicht in der wesensgemäßen Bienenhaltung einer Freundschaft auf Augenhöhe. Der Respekt gegenüber dem Bienenvolk ist uns wichtiger, als große Honigerträge. Wesensgemäß ist also in erster Linie eine Frage der inneren Haltung und erst in zweiter Linie eine imkerliche Praxis.

Die Kernelemente der wesensgemäßen Bienenhaltung

Die drei wesentlichen Elemente der wesensgemäßen Imkerei ergeben sich aus den natürlichen Lebensäußerungen des Biens:

  • Vermehrung im Schwarmtrieb
  • Naturwabenbau
  • natürliche Begattung der Königin

Die Bienen schwärmen lassen

Bienen vermehren sich über Schwärme. So wird der Schwarmprozess oft auch als Geburtsvorgang gesehen. Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie und gedanklicher Wegbereiter der wesensgemäßen Sichtweise, hatte einen anderen Ansatz: Er bezeichnete den Schwarmakt als „Beinahetod“ des Bienenvolkes. Warum? Ein Bienenvolk ist im Prinzip unsterblich. Es erneuert sich, indem immer wieder neue Arbeiterinnen, Drohnen und Königinnen geboren werden. Wir haben Völker, die ohne Unterbrechung zehn oder mehr Jahre in derselben Beute leben. Diese Sicherheit gibt der ausziehende Bienenschwarm auf. Er hinterlässt alles, was er zum Leben braucht: Brut, Waben, Pollen- und Honigvorräte.

Naturbau: Skelett und Chronik des Bienenvolks

Wenn der Schwarm eine neue Behausung gefunden hat, braucht er neue Waben. Denn nur in Waben können Bienen brüten und Vorräte einlagern. Außerdem dienen sie als Informationsplattform, weil die Bienen nur auf den Waben ihre Tänze aufführen können und so miteinander kommunizieren. Rudolf Steiner nennt die Waben daher das „Skelett des Bienenvolkes“. Und noch mehr: Das Wachs ist auch die Chronik des Volks. Fettlösliche Hormone, Pheromone und Pollenanteile werden darin gespeichert. Auch Varroabehandlungsmittel und Pestizide, die von den Sammlerinnen im Pollen und Nektar eingetragen werden, lagern sich dort ein. Wir setzen auf Naturbau. Die Bienen dürfen frei ihre eigenen Waben bauen. Mittelwände müssen aus der wesensgemäßen Perspektive als „Prothesen“ angesehen werden. Durch den fortwährenden Neubau von Waben entledigt sich das Volk auch der im Altwachs eingelagerten Gifte.

Standbegattung ohne künstliche Königinnenzucht

Der Anthroposoph Steiner sah die künstliche Königinnenzucht kritisch. Im Jahr 1923 sprach er davon, das sie in 80 bis 100 Jahren das Ende der Bienenhaltung bedeuten könne. Durch den Austausch von Königinnen sei der Zusammenhalt im Volk nicht mehr gewährleistet. Betrachtet man die Königin als Herz des Volkes, wäre das Einsetzen einer fremden Königin mit einer Herztransplantation vergleichbar. Nach den Völkerverlusten 2006 und 2007 in den USA wurden Steiners Vermutungen auch in den amerikanischen Tageszeitungen zitiert.

Wesensgemäße oder artgemäße Bienenhaltung?

Bienengemäß, naturgemäß oder ökologisch imkern, Bio-Imkern in der Stadt, darwinistische Bienenhaltung – das Spektrum an Betriebsweisen ist groß und unübersichtlich. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie verzichten auf die chemisch-synthetische Varroabekämpfung. Die darwinistische und die artgemäße Bienenhaltung orientieren sich an den Lebensbedingungen von wilden Honigbienen in Bäumen. Die wesensgemäße Bienenhaltung will zwar eine artgerechte, biologische, möglichst rückstandsfreie Imkerei einschließen – Bedingungen, unter denen Bienen ohne Menschen im Wald überleben können, will sie aber nicht. Die Tabelle unten zeigt die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede einer artgemäßen und wesensgemäßen Bienenhaltung.

artgemäß wesensgemäß
Völkervermehrung Schwarm Schwarm
Wabenwerk Naturbau Naturbau
Königinnen Standbegattung Standbegattung
Größe der Völker klein groß
Wabenbau stabil mobil
Ort der Behausung hoch im Baum auf dem Boden
Fütterung keine nach Bedarf mit Zucker
Varroa-Behandlung keine viele und regelmäßig
Kontakt zum Mensch sehr gering bis fehlend häufig und eng
Völkerdichte sehr gering: 1 Volk pro Quadratkilometer sehr hoch: 10-25 Völker pro Quadratkilometer

Den Beitrag von Johannes Wirz und Norbert Poeplau findest Du im Januarheft 2020 von bienen&natur ab Seite 8.

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