Zu Besuch bei Mellifera in der Fischermühle

Die Imkerei Fischermühle und der Verein Mellifera gelten als Ursprung der ökologischen Bienenhaltung in Deutschland – und sind die Heimat unserer Monatsbetrachter für 2020. 

Johannes Wirz zieht eine Hochwabe aus einer Einraumbeute. Foto: Mellifera e.V.
Johannes Wirz zieht eine Hochwabe aus einer Einraumbeute. Foto: Mellifera e.V.

Die Fischermühle liegt irgendwo im Nirgendwo, zwischen Orten, die man noch nie gehört hat, Balingen, Sulz, Rosenfeld, ist das schon Schwarzwald oder noch Schwäbische Alb oder einfach nur Neckartal? Egal, es reicht, wenn man weiß: tiefe Provinz, irgendwo im Schwäbischen. Und mitten in der Natur.

Naturnah imkern bei Mellifera

Das mit der Natur ist wichtig, denn darum geht es ja: naturnahes Imkern. Nah am Bien, den es als eigenen Organismus zu betrachten gilt, Orientierung an dem Verhalten, das die Bienen von Natur aus an den Tag legen – das waren so die Gedanken, die die Leute in den achtziger Jahren umtrieben, als sie hier die Grundlagen dessen entwickelten, was man heute wesensgemäße Bienenhaltung nennt. Denn die Fischermühle und der Verein Mellifera e.V., das kann man ohne Übertreibung sagen, sind die Keimzelle der ökologischen Bienenhaltung in Deutschland. Aber dazu später.

Unsere Monatsbetrachter 2020: Johannes Wirz und Norbert Poeplau

Johannes Wirz begrüßt mich, Wissenschaftler, Imker, im Vorstand von Mellifera zuständig für die wissenschaftliche Forschung. Er ist der Mann, der im kommenden Jahr gemeinsam mit Norbert Poeplau die Monatsbetrachtungen in bienen & natur schreiben wird: Jahrgang 1955, blondgelockt, blitzende Augen und, wie sich herausstellen wird, mit einer sehr eigenen Mischung aus Spitzbübischkeit und Spiritualität.
Johannes ist in einem Dorf am Thuner See aufgewachsen, vorne der See, hinten die Berge, und weder das Imkern noch die Ausrichtung zur Anthroposophie waren ihm in die Wiege gelegt. In Basel studierte er Biologie, spezialisierte sich auf Molekularbiologie bei Walter Gehring, einem Pionier bei der Erforschung der grundlegenden Gene, die die Entwicklung eines Organismus steuern; seine Doktorarbeit schrieb er über die Proteine des Antennapedia-Gens bei der Fruchtfliege Drosophila. Spitzenforschung also, „meine Laborkollegen sind heute alle Professoren“, sagt er, auch ihm lag ein Angebot vor, in die USA zu gehen, Karriere zu machen. Aber seine Frau überredete ihn, ein Stellenangebot als Wissenschaftler am Goetheanum anzunehmen, dem Zentrum der Anthroposophischen Bewegung in Dornach bei Basel, und so blieb er in der Heimat.

Norbert Poeplau (links) bei der Durchsicht mit den bei Mellifera typischen Einraumbeuten. Foto: Mellifera e.V.
Norbert Poeplau (links) bei der Durchsicht mit den bei Mellifera typischen Einraumbeuten. Foto: Mellifera e.V.

Rundgang durch die Fischermühle

Zum Imkern kam er eher durch Zufall. „Die Bienen haben mich gefunden“, sagt er und lächelt, „ich habe sie nicht gesucht!“ Am Goetheanum forschte er gemeinsam mit einigen Imkern daran, was auf der genetischen Ebene mit Bienen passiert, wenn man sie nicht gegen die Varroa behandelt – schon damals, in den Neunzigern, das nervige Großthema. „Ich musste da Bienen zählen und Milben zählen“, erzählt er; „und dabei hab ich mich in die Bienen verliebt.“ Und angefangen selbst zu imkern. Norbert Poeplau stößt zu uns, der Imkermeister der Fischermühle, und spätestens jetzt ist es wohl Zeit für einen Rundgang. Ein rundes Dutzend Gebäude gruppiert sich locker in einem parkartigen Gelände, von schmucken mittelalterlichen Fachwerkhäusern bis zu modernen Zweckbauten; auch die namengebende Fischermühle steht noch. Die meisten Gebäude gehören zur Firma Helixor, einem Hersteller von Naturmedizin. Und ohne Helixor, sagt Norbert Poeplau, gäbe es das alles nicht. Die Helixor-Stiftung hat die Gebäude der Imkerei finanziert, und sie war von Anfang an ein wichtiger Unterstützer des Projekts.

Mellifera: Mehr als eine Imkerei

„Mellifera steht auf drei Säulen“, erklärt Norbert. „Die eine ist die Erwerbsimkerei“, nach Demeter-Richtlinien versteht sich, mit rund 250 Völkern; „das zweite sind die Kurse und Ausbildungen, und das dritte ist die Forschung, für die haben wir eigene Bienenvölker.“ Finanziell getragen wird der Verein zum Teil von den Beiträgen der rund 1600 Mitglieder sowie von Patenschaften; dazu kommen Drittmittel und Sponsoring von Firmen, vor allem für Forschungsprojekte, und nicht zuletzt gibt es noch die Einnahmen aus dem Shop und dem Honigverkauf. Vor dem Gebäude der Erwerbsimkerei, der sogenannten Remise, steht im Hof einer der zwei Azubis in Gummischürze und -Stiefeln und ist gerade dabei, einen riesigen Stapel an Futtertaschen zu kärchern – die Völker sind eingewintert, Großreinemachen. Der Kompressor dröhnt, das Wasser stäubt in feinen Tröpfchen über den Hof. Im Gebäude selbst stehen die Honigräume und -Zargen bis an die Decke gestapelt.

Imkern mit Naturwabenbau

Im Raum nebenan warten Wachsreste auf ihre Verarbeitung; alles verströmt den vertrauten Geruch nach Wachs und Harz, wie in einer normalen Imkerei. Aber hier fangen die Unterschiede an: Bei Demeter-Imkern muss sich das Wachs in ständiger Erneuerung befinden. Nur frisches Wachs, etwa aus Naturwaben oder von den Zelldeckeln, darf zu Mittelwänden oder Anwachsstreifen verarbeitet werden (und Mittelwände auch nur im Honigraum), aus den Mittelwänden selbst dürfen aber keine weiteren Mittelwände mehr hergestellt werden. Dieses Wachs muss verkauft oder anderweitig verwendet werden, etwa für Kerzen. So soll sichergestellt werden, dass sich im Wachs so wenig Rückstände ansammeln wie nur irgend möglich. Der Bien soll auch sein „Skelett“, die Waben, ständig erneuern. Natürlich kostet das Zeit und Energie, deshalb produzieren die Bienen etwas weniger Honig als bei konventioneller Betriebsweise.

Naturbau in der hoch gekippten Bienenkiste: Auf den dunklen Waben brüten die Bienen, in den gelben lagern sie den Honig ein. Foto: Mellifera e.V.
Naturbau in der hoch gekippten Bienenkiste: Auf den dunklen Waben brüten die Bienen, in den gelben lagern sie den Honig ein. Foto: Mellifera e.V.

Pioniere der wesensgemäßen Bienenhaltung

Allzusehr soll es hier aber nicht um die wesensgemäße Bienenhaltung gehen, das wird schließlich das Thema der Monatsbetrachtungen sein. Lieber schauen wir weiter das Gelände an! Den Lehrbienenstand zum Beispiel. Der liegt ein paar hundert Meter abseits, und auf dem Weg dorthin erzählt Norbert von den Anfängen von Mellifera. Eine Handvoll naturverbundener Imker aus dem süddeutschen Raum war es, die in den achtziger Jahren anfing, sich grundsätzliche Gedanken zu machen: Was machen wir da mit unserer Umwelt, was machen wir da mit den Bienen? Günter Friedmann, der noch heute seine Demeter-Imkerei bei Heidenheim betreibt, war dabei, Christian Rex, Robert Friedrich, Michael Reiter, der Schweizer Martin Dettli – und vor allem Thomas Radetzki, der heute eher politisch wirkt und gerade die Petition „Pestizidkontrolle“ erfolgreich in den Bundestag gebracht hat.
Aus heutiger Sicht klingt das alles selbstverständlich – aber damals? Innerhalb der Umweltbewegung, die gerade die ganz großen Schlachten um die Atomanlagen in Brokdorf und Wackersdorf schlug, müssen diese Leute ziemliche Außenseiter gewesen sein: Wer beschäftigt sich schon mit Bienen?

Oxalsäure gegen die Varroamilbe

Irgendwann in dieser Zeit begannen sich die Mellifera-Leute mit den Anthroposophen in Dornach darüber auszutauschen, wie man mit der Bedrohung durch die Varroamilbe umgehen sollte. Und die anthroposophische Grundhaltung, dieser ganz spezielle Respekt vor dem Leben, war es auch, der die Entwicklung an der Fischermühle entscheidend geprägt hat. „Der Umgang mit der Varroa war damals für uns der Hauptantrieb“, wird Thomas Radetzki später am Telefon erzählen; „damals wurde noch mit Brom behandelt, das war ein Höllenmittel. Da hab ich gemerkt, so geht es nicht weiter.“ In der Folge experimentierte er mit natürlichen Mitteln und war entscheidend bei der Entwicklung der Oxalsäurebehandlung beteiligt. „Thomas war lange die treibende Kraft an der Fischermühle“, sagt jetzt wieder Norbert Poeplau. „Und die meiste Zeit war er hier als Einzelkämpfer.“ Zwar wurde 1986 der „Verein für wesensgemäße Bienenhaltung“ gegründet, zwar wurden die an der Fischermühle erarbeiteten Prinzipien der biodynamischen Bienenhaltung 1995 in die Demeter-Richtlinien übernommen; aber all das geschah noch ohne große Öffentlichkeit.

Thomas Radetzki hat die Imkerei in der Fischermühle mit aufgebaut. Heute engagiert er sich auch politisch, beispielsweise über die Aurelia-Stiftung. Foto: Kerstin Neumann
Thomas Radetzki hat die Imkerei in der Fischermühle mit aufgebaut. Heute engagiert er sich auch politisch, beispielsweise über die Aurelia-Stiftung. Foto: Kerstin Neumann

Imkerkurs für Sarah Wiener

Erst Mitte der Nullerjahre, erzählt Norbert, als die Berichte über das Bienensterben in den USA die Runde machten, begannen die Mellifera-Leute Rückenwind zu spüren. Zu der Zeit kam er selbst als Imkermeister an die Fischermühle, professionalisierte den Betrieb – „und so ab 2006“, erzählt er, „ist das Ganze explodiert.“ Inzwischen hat der Trägerverein, der Mellifera e.V., rund 1600 Mitglieder; es gibt Dutzende, zum Teil höchst aktive Regionalgruppen wie die in Berlin, die gerade den Kongress „Learning from the Bees“ auf die Beine gestellt hat. Und es gibt knapp einhundert Berufs- und Nebenerwerbsimker, die nach den Demeter-Richtlinien arbeiten, darunter auch die Stuttgarter Miltenberger und Gerstmeier, die jüngst das baden-württembergische Volksbegehren initiiert haben. Man kann da also durchaus von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Die ist aber auch bitter nötig. Denn der Zustand der Umwelt und der Artenvielfalt hat sich bekanntlich in dieser Zeit weiter verschlechtert. Auch hier sind die Mellifera-Leute aktiv, etwa mit ihrem „Netzwerk Blühende Landschaft“ oder mit dem Projekt „Bienen machen Schule“. Auch die Kurse bei Mellifera sind legendär; die Fernsehköchin Sarah Wiener hat bei Norbert Poeplau Imkern gelernt.

Imkern mit dem Schwarmtrieb

Inzwischen sind wir am Lehrbienenstand angekommen. Der ist fast ein kleines Freilichtmuseum, so viele unterschiedliche Bienenbehausungen sind hier versammelt. „Schau mal, ist das nicht zauberhaft!“, ruft Johannes angesichts eines Schaukastens, wo hinter Plexiglasscheiben ein kleines Volk einen kompletten Naturwabenbau pflegt. Hier, am Lehrbienenstand, findet ein Großteil der praktischen Arbeit in den Kursen statt – und hier gibt es auch die größten Diskussionen. „Wir hatten mal eine Führung für einen Imkerverein aus der Zentralschweiz“, erzählt Johannes und muss bei der Erinnerung noch grinsen, „an die 50 Leute waren das. Und als ich denen so alles zeige und erkläre, merke ich, wie die immer unruhiger werden. Und plötzlich sagt einer … das brach richtig aus dem raus: ‚Die machen ja genau das Gegenteil von dem, was wir gelernt haben!‘“ Man muss sich dazu immer seine Stimme vorstellen, einen warmen, kehligen Singsang mit schweizerischer Sprachmelodie, gelegentlich unterbrochen von dröhnendem Lachen. Dieses wiederum darf man keineswegs als Auslachen missverstehen, es ist einfach ein Lachen darüber, wie komisch die Welt manchmal ist.

“Beziehung zu den Bienen”

Und eines mögen sie hier gar nicht: wenn sie als Esoteriker oder Spintisierer dargestellt werden, als verbohrt oder gar ideologisch. „Was wir machen, ist das Gegenteil von Dogma!“, ruft Johannes mit einer Mischung aus Empörung und Belustigung. „Es geht um Fakten, ums Beobachten, um die Ausein­andersetzung mit der Natur, um das Lernen von der Natur“, sagt er. „Und ja, letztlich geht es um eine Art Beziehung zu den Bienen – und Beziehung ist immer zwischen Wesen. Das ist keine Einbahnstraße!“ Zum Schluss darf ich noch eine sinnliche Erfahrung machen, die mir noch in keiner Imkerei geboten wurde. Johannes und Norbert führen mich zu einem kleinen quadratischen Gebäude, das sie scherzhaft „unseren Tempel“ nennen – und das ein ungewöhnliches Kunstwerk beherbergt. Der Künstler Günther Mancke hat es geschaffen: eine riesige Hohlkugel aus reinem Bienenwachs, bestimmt zwei Meter im Durchmesser. Man bückt sich unter die Kugel, steckt von unten den Kopf hinein, setzt sich auf ein kleines Leiterchen und verharrt so, ganz ruhig. Macht die Augen zu. Man hört: nichts. Man riecht: reines Bienenwachs. Wunderbar. Man möchte so einschlafen und träumen. Auf der Messe Biofach, erzählt Norbert mit einem Grinsen, hat eine Ministerin mal geschlagene zehn Minuten in der Kugel gesessen, die Security-Leute wurden schon unruhig. Wenn das kein Kompliment an die Bienen ist!

Mehr zu Mellifera e.V. gibt es unter mellifera.de

mr/02.01.20

Die Reportage von der Fischermühle finden Sie auch im Dezember-Heft 2018 von bienen&natur.
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Was machen Bienen eigentlich im Winter?